Idee

Funktional, nachhaltig, kreativ und wirtschaftlich

Das neue Stadion soll ein Resonanzkörper für die Besonderheiten der Freiburger Fußballkultur werden – und den Spirit des alten Stadions mit in den Wolfswinkel hinüber nehmen.

Was macht den Charakter eines Fußballstadions aus? „Die Menschen, die auf den Rängen stehen und sitzen, und dort für die in jedem Stadion eigene Atmosphäre sorgen.“ Das sagt Christian Streich. Eigentlichen Neuigkeitswert besitzt die Sicht des SC-Trainers nicht. Umso erstaunlicher ist es, wie schnell man das trotzdem außer Acht lässt. Wie leicht man vergisst, dass ein Stadionentwurf ohne Menschen auf den Rängen auskommen muss, und ohne Mannschaften auf dem Rasen und Trainer am Spielfeldrand. Nicht zuletzt muss er ohne das Zusammenspiel von all dem auskommen. Auf dem Papier zumindest.

Als Betrachter des Entwurfs, der am Ende per einstimmigem Votum der Entscheiderinnen und Entscheider aus Stadtverwaltung, Gemeinderat und Verein zur Umsetzung ausgewählt wurde, können wir dagegen der Phantasie, wie man im Fußball sagt, Räume öffnen. Dabei lohnt es, sich noch einmal zu vergegenwärtigen, nach was der Sport-Club mit so großem Aufwand gefahndet hat. Was gesucht wurde jenseits eines Fußballstadions, in dem der Platz regelgerechte Maße besitzt und sich auch nicht neigt vom einen Ende zum anderen; und jenseits eines Stadions, das Flächen und Räumlichkeiten vorhält, die eine Vermarktung ermöglichen, mit der er konkurrenzfähig agieren kann im hart umkämpften oberen Segment des deutschen Klubfußballs. Was also die Umsetzung all dieser funktionalen Essentials zusammen halten sollte, was die Idee war, die sie tragen sollte.

Fußball korrespondiert mit dem Lebensgefühl

Sagen wir: Das neue Stadion sollte ein Resonanzkörper werden für die Besonderheiten der Freiburger Fußballkultur. Das Spiel, genauer: seine Rezeption, funktioniert ja in Freiburg bekanntlich ein bisschen anders, Siege sind nicht allein selig machend und nach Niederlagen geht nicht gleich die Welt unter. Anders ausgedrückt: Fußball dient hier weniger der Frustkompensation und mehr als an den meisten vergleichbaren Standorten der Steigerung der Lebensfreude. Was auch heißt: Er korrespondiert mit dem Lebensgefühl einer Region, die für schönes Wetter, eine wunderbare Landschaft, gutes Essen und beste Weine steht und vor allem für die Kunst, all das zu genießen.

All diesen Assoziationen eröffnet der Entwurf von HPP auf Anhieb Perspektiven. Weil schon beim ersten Blick darauf klar wird: Das Stadion, das im Wolfswinkel gebaut werden wird, wirkt weder austauschbar, geschweige denn sieht es wie jedes andere aus. Im Gegenteil, schon über den architektonischen Kniff der rundum laufenden, diagonalen Zugstützen für das Dach, gewinnt der Neubau unmittelbar etwas gänzlich Originäres.

Selbst dort, wo sich der Entwurf mit seiner geschlossenen Eleganz und Kohärenz am weitesten entfernt von den etappenweise, mit unterschiedlichen Höhen und differenter Ästhetik gebauten Tribünen des auch darüber unverwechselbaren Schwarzwald-Stadions, verbindet er so alt mit neu. Überhaupt erscheint das als Schlüssel zum ausgewählten Entwurf: Wie er den Gedanken aufnimmt, das Besondere des Schwarzwald-Stadions, seinen Spirit oder, wenn man so will, auch seine Authenti­zität als Idee mit hinüber zunehmen in den Wolfswinkel. Das gilt im Ganzen wie in vielen Details.

Stadionbesucher erwartet ein Déjà-Vu

Gewährleistet wird es primär schon durch die dominante rechteckige Dachkonstruktion, die verspricht, was einen drin auch erwartet: ein kompaktes, atmosphärisch dichtes Fußballstadion mit Rängen, die in größtmöglicher Nähe das Feld umschließen. Selbst wenn diese Ränge prinzipiell als Zwei-Rang-Tribüne konzipiert sind, erwarten Freiburger Stadionbesucher durchaus Déjà-Vu-Erlebnisse. So zitieren die durchgängige SC-Stehtribüne hinter dem Tor auf der Südseite, genauso wie ihr einrangiges Pendant auf der gegenüberliegenden Seite die emotionalen Stimmungszentren Nord- und Südtribüne im Schwarzwald-Stadion.

Im Prinzip ebenfalls analog zum Schwarzwald-Stadion werden die Gästefans gegenüber des durchgehenden SC-Stehranges auf Stehplätzen im Unterrang und Sitzplätzen im Rang platziert – mit im Gegensatz zur aktuellen Situation deutlich verbesserten Sichtverhältnissen. Der Komfort für Gästefans ist dabei übrigens nicht der einzige Punkt, an dem die vielzitierte Freiburger Gastfreundschaft und Offenheit im Vergleich zum Schwarzwald-Stadion mit baulichen Maßnahmen flankiert wird und so qualitativ spürbare Verbesserungen erfährt.

Zuvorderst ist hier der barrierefreie Zugang über vier Rampen an den Stadionecken zu nennen, über die alle Besucher gleichberechtigt die Promenade erreichen, die das komplette Stadion umführt. Die Plätze für Rollstuhlfahrer, -fahrerinnen und Begleitpersonen werden – in Relation zur aktuellen Situation – einerseits alle überdacht, zum anderem verdoppelt und auf alle Sektoren des Stadions verteilt. Das Selbstverständnis des Sport-Club, den Besuch von Fußballspielen für jeden möglich zu machen, spiegelt auch der Stehplatzanteil von fast 36 Prozent wider, ein absoluter Top-Wert in der Liga. Der Sport-Club will auch ein guter Nachbar sein. So erarbeiten SC und Stadt ein Anwohnerschutzkonzept. Aus der guten Erfahrung heraus wird es zudem für die Menschen im Mooswald – wie auch jetzt schon mit Bürgerinnen und Bürgern aus Littenweiler, Ebnet und Waldsee – einen Anwohnerbeirat geben.

Der SC setzt mit dem neuen Stadion, an dem Profis und U23 ganz bewusst zusammengeführt werden, auch ökologisch Maßstäbe. Kern und Clou ist die Nutzung der Abwärme der Solvay/Rhodia als Fernwärme, die den kompletten Bedarf des Stadions abdeckt. Das Prinzip ist dabei ein Bild fürs Ganze: Wirtschaftlichkeit, Funktionalität, Nachhaltigkeit, Kreativität und Innovationsbereitschaft – die Werte, die den Sport Club zu dem gemacht haben, was er heute ist, gelten auch für die Umsetzung des größten Projektes seiner Geschichte: den Stadionneubau beim Wolfswinkel.

Zum Ort, an dem die Freiburger Fußballkultur, ihr neues Zuhause findet, werden es erst seine Nutzer machen. Oder sagen wir es mit Christian Streich: „Die Mannschaft, die Trainer und die Fans werden es dann gemeinsam mit Leben füllen.“